Schlafdefizit ist völlig normal

Von dem Leben als „Eule“

Gehörst du auch zu diesen Menschen, die morgens aufstehen – vielleicht ein paar Minuten, bevor der Wecker klingelt – und dann, spätestens nach dem Kaffee, völlig motiviert sind? Schläfst du auch regelmäßig vor dem Fernseher ein oder kannst es abends kaum abwarten, ins Bett zu kommen? Dann ist dieser Artikel definitiv nichts für dich.

Denn das, was ich gerade schilderte, scheint tatsächlich auf die Mehrheit der Menschen zuzutreffen. Blöderweise nicht auf alle. Ich gehöre zu den anderen. Die Chronobiologie (ich war mal bei Prof. Roenneberg in einer klinischen Studie) bezeichnet uns als „Eulen“ – im Gegensatz zu den Lehrchen – wir feilschen mit dem Wecker um jede Minute („Ach, geduscht habe ich gestern schon, da kann ich 10 Minuten später aufstehen …“) und zwingen uns jeden Abend ins Bett („Was?! Schon 2 Uhr?! Wo ist die Zeit geblieben? Ich muss ja morgen früh raus!!“). Wenn dir das bekannt vorkommt, ist dieser Artikel für dich.

Die meisten Menschen scheinen tatsächlich zwischen 9 und 11 Uhr am produktivsten zu sein. Wenn es um Ausschlafen geht, dreht sich die Aufwachzeit im Bereich zwischen 5 und 9 Uhr. Nachmittags lässt diese Konzentration dieser Menschen stark nach und sie sind froh, spätestens 18 Uhr das Büro oder den Arbeitsplatz verlassen zu können. Ich gönne ihnen das.

Aber bitte versteht auch, wie ich die Welt erlebe. Und das hat nichts mit Anstellen zu tun. Viele dieser „Lärchen“ geben mir den Tipp, einfach früher ins Bett zu gehen. Mir wurde sogar schon empfohlen, Schlaftabletten zu nehmen, um mich an die Lebenswirklichkeit der Masse anzupassen. Wie absurd. Aber dazu später mehr.

Ich feilsche wie gesagt täglich mit dem Wecker. Aprupt reißt er mich aus dem Tiefschlaf oder Traum. Meist weiß ich gar nicht, was überhaupt passiert – oder schlimmer, mir wird bewusst, dass ich nicht geschlafen habe (dazu später mehr) – wie auch immer, ich muss aufstehen. Zombiehaft zwinge ich mich ins Bad, dusche nur wenn es absolut notwenig ist und versuche, meine Augenringe mit Makeup zu verdecken. Versuche, den Brei in meinem Gehirn soweit zu ordnen, dass ich Klamotten für mich finde. Meistens geht das schief. Irgendwann habe ich was an, die Zähne geputzt und fühle mich bereit, zur Arbeit zu gehen – regelmäßig 20 Minuten zu spät.

Ich erscheine im Büro, immer noch mit Kopfschmerzen und süchte nach dem Kaffeeautomaten, wenn irgendwelche Kollegen – die schon seit zwei Stunden dort sind – mir einen „Schönen Morgen“ wünschen – für mich das Oxymoron schlechthin. Gegen 11 Uhr habe ich dann meinen Platz bezogen, den ersten Kaffee getrunken und so langsam eine Ahnung von dem, was mir bevor steht. Ich versuche dann, das Gähnen zu unterdrücken und irgendwie zu arbeiten.

Dann gibt es Mittagspause. Endlich. Ich nehme mein Frühstück ein, denn das hatte ich mir – erinnert ihr euch an das Feilschen mit dem Wecker? – bisher erspart. Ein weiterer Kaffe, langsam werde ich wach.

Nach der Mittagspause läuft es so langsam. Ich werde munter und beginne, ernsthaft zu arbeiten. Die Ideen sprudeln, ich arbeite schneller, effektiver, kommuniziere – und dann hauen die Kolleg*innen plötzlich ab, da sie Feierabend machen.

Plötzlich sitze ich allein im Büro – voller Energie. Beschließe, aus praktischen Gründen dann auch Feierabend zu machen, fahre nach Hause, gehe voll motiviert irgendwelchen Freizeittätigkeiten nach – denke derweil ständig über die Arbeit nach –, schaue fern („Hätte ich doch heute Morgen schon diese Idee gehabt!“), lese was – und plötzlich ist es 2 Uhr. Ugh. Du musst doch morgen raus.

So geht es mir jeden Tag. Warum? Wieso kann ich nicht so arbeiten, wie es meinem Biorhythmus entsprechen würde? Unsere Gesellschaft hat auch versucht, Homosexuelle in ein Schema von „Normal“ zu pressen, sie hat Trans* diskriminiert oder ausgrund von Äußerlichkeiten Menschen abgestempelt. Wäre es da nicht logisch, auch solche Dinge zu berücksichtigen?

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